Schissifall am Titlis – wohl mein amüsantestes Bergerlebnis








Bei der Arbeit an der neuen Auflage des Engelberg Outdoor Guide sind mir kürzlich Fotos in die Hände gefallen, die ich fast vergessen hatte. Genau acht Jahre alt. Damals war ich mit meinem Idol Donat unterwegs – und wir hatten eine Idee, die gleichzeitig grossartig und fragwürdig war.
Unser Ziel: den legendären «Schissifall» in der Titlis Südwestwand zu klettern.
Ja, richtig gelesen.
Hohe Ingenieurskunst auf 3000 Metern
Auf dem Titlis befindet sich seit Jahren eine Kläranlage. Auf meine neugierige Frage erklärte der damalige Gipfelwart stolz:
«Mindestens 90 Prozent sauber!»
Das gereinigte Wasser floss gelegentlich über die Südwestwand und bildete dort einen erstaunlich schönen Eisfall.
Schön war allerdings relativ.
Denn die Farbe war eher… speziell.
Die perfekte Linie
Ich wollte diese einmalige Linie unbedingt klettern.
Also warteten wir auf die richtigen Bedingungen: kalte Temperaturen, wenig Sonne und genügend Wasser.
Irgendwann überzeugten wir den Gipfelwart sogar, möglichst viel Wasser auf einmal durchzulassen, damit sich ein schöner Eisfall bilden konnte.
Er drückte den Hebel.
Der Eisfall war perfekt.
Die Farbe blieb unverändert.
Der Einstieg
Früh am Morgen stiegen wir in die Wand ein.
Das Eis war überraschend solide, die Kletterei machte Spass und alles lief nach Plan.
Bis die Sonne erschien.
Mit steigenden Temperaturen entwickelte sich plötzlich eine weitere Eigenschaft des Eisfalls.
Ein Geruch.
Und zwar einer, den man beim Eisklettern normalerweise nicht erwartet.
Ein Erlebnis für alle Sinne
Die letzte Seillänge in tauwarmem, braunem Eis zu klettern war eine Erfahrung, die ich niemandem wünsche – und gleichzeitig nie vergessen werde.
Brechreiz, Würgereflex und völlige Konzentration wechselten sich im Minutentakt ab.
Die Eisschrauben auszublasen?
Keine Chance.
Alles wanderte ungeputzt in den Rucksack.
Flucht in die Skilodge
Nach dem Abstieg erwischten wir gerade noch die letzte Bahn und flüchteten direkt in die Skilodge.
Bier auf den Tisch.
Rucksack in die Ecke.
Problem gelöst.
Dachten wir.
Einige Zeit später erschien ein Mitarbeiter und fragte ausgesprochen höflich:
«Jungs… der Geruch… könnt ihr vielleicht… also… draussen?»
Fair enough.
Gibt es den Schissifall heute noch?
Ich bin gespannt, wie das Abwasserproblem im neuen Titlis-Bau gelöst wird und ob der Schissifall überhaupt jemals wieder entstehen wird.
Falls nicht, bleibt immerhin die Erinnerung an die wahrscheinlich absurdeste Eistour meiner Bergführerkarriere.
Und ja: Donat war damals dabei.
Held.
Oder leicht verrückt.
Vermutlich beides.
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